Was passiert in letzter Zeit mit der deutschen Sprache? Lehrer, Germanisten, Akademiker und Journalisten, kurz das Establishment, beklagen in letzter Zeit lautstark den Niedergang der deutschen Sprache.
Anglizismen, Abkürzungen und der Brudermordende Dativ wurden als die Bösen Einflüsse erkannt und nun gilt es, die deutsche Sprache protektionistisch zu schützen. Die Waffen der Wahl sind, wie könnte es im Land der Dichter und Denker anders sein; die klassischen Werke Goethe und Schillers. Moderne Pop Literatur dagegen gilt als fünfte Kolonne des Bösen.
Die Medium dieser neuen Gefahr ist nicht mehr das gedruckte Wort, sondern das gesendete; SMS und E-Mails haben den Weg geebnet; sie erfordern teilweise sogar (Zeichenbegrenzung der SMS), dass Sätze unvollständig gelassen werden, alles verkürzt wird und aus Prinzip keine Füllwörter mehr genutzt werden, die einen Satz rhetorisch vervollkommnen. Vielleicht findet sich These McLuhans „ Das Medium ist die Botschaft“ in dieser Form besonders manifestiert.
Ich habe Freude an unpopulären Meinungen und was nun folgt ist leidenschaftliches Plädoyer gegen linguistischen Konservatismus.
Zuerst gilt es die Waffen des Gegners unschädlich zu machen. Goethe und Schiller. Sie werden einer literarischen Epoche zugerechnet, die sich Sturm und Drang nennt. Und dies sicher nicht, weil sie sich dem damaligen Zeitgeist angepasst haben.
Sie waren Rebellen, die in der Sprache der Jugend schrieben (zumindest solange sie selbst jung waren), erst posthum wurden Ihre Texte zu Klassikern. Auch Fremdwörter wurden schon immer in die deutsche Sprache integriert; Dank Deutschlands zentraler Lage in Mitteleuropa war das gar nicht anders möglich. Mit den meisten Fremdwörtern haben die Wächter des linguistischen Grals auch gar kein Problem; im Gegenteil, finden sie Ihren Ursprung im Griechischen oder Lateinischen sind sie Ausdruck höherer Bildung und einem gewissen Maß an Intellektualität. Selbst Wörter aus der französischen Sprache wurden gerne eingedeutscht.
Woher also diese Abneigung gegen englische Wörter, die mit den neuen Medien Einzug gehalten haben? Sind die Wörter Computer, Walkman oder Internet nicht genauso Bestandteil der deutschen Sprache wie cool oder fuck? Die Wörter Portemonnaie oder Aperitif sind es doch auch.
Anglizismen sollten sogar eine Sonderstellung einnehmen, denn sie sind eigentlich gar keine Fremdwörter. Das Englische findet seinen Ursprung im Angel-Sächsischen, welches wiederum germanische Sprachen sind. Wir haben sozusagen eine Sprache vom Kontinent auf die Insel exportiert und diese besagte Insel hat sie weiter verbreitet.
Was wir jetzt erleben, ist lediglich eine Rückwirkung. Sprache ist nicht als statisch zu verstehen, sondern sie befindet sich immer in einem Prozess, diesen kann und sollte man nicht aufhalten. Neue sprachliche Entwicklungen gehen mit der menschlichen einher und sind Ausdruck derselben. Sie sind eher Bereicherungen als Bedrohung.
Einen reinen Funktionalismus und eine Verrohung der Sprache kann ich auch nicht erkennen. Auch mit den 400 Zeichen, die eine SMS zur Verfügung hat kann man durchaus Wortwitz und Charme vermitteln. Man muss ihn aber auch erkennen wollen. Ich erwarte diese Fähigkeit nicht von Jemanden, der noch nie eine SMS geschrieben hat.
Ich frage mich auch, warum man auf Groß- und Kleinschreibung achten sollte. Ich das nicht ein völlig überholtest Relikt aus Zeiten in denen die Bibel noch von Hand kopiert wurde und man nach Möglichkeiten suchte hin und wieder mal einen besonders schnörkeligen Buchstaben einzubinden?
Eine Sprache und ihre schriftliche Manifestierung ändern sich permanent durch die Menschen, welche sie nutzen. Es ist in der Hand dieser Leute sie zu prägen und ich bin mir sicher, dass Goethe und Schiller, so wie ich die beiden kenne, auch dieser Meinung wären. Wieso sollten wir uns von irgendwelchen angeblichen Autoritäten vorschreiben lassen, wie wir unsere Sprache gebrauchen sollen?
In diesem Sinne: Feel free!
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